verwurzelt? rooted in change!
Artists Unlimited
Eine Gruppenausstellung über dynamische Vernetzung. Künstlerinnen: Ieva Saudargaitė Douaihi, Meena Alyassin, Larissa Zauser, Josephine Scheuer. Kuratiert von Lorenza Kaib & Vilma Klingaite.
Das Ausstellungsprojekt verwurzelt? rooted in change! fokussiert sich auf Arten der Verbundenheit von Menschen und ihrer Lebenswelt(en) in einer offenen Perspektive. Verwurzelung wird dabei als sozial, kommunikativ und ökologisch gedacht, weniger an einen konkreten Ort gebunden. Der Versuch, sich von der Vorstellung zu lösen, dass Verwurzelung gleichbedeutend mit statischer Verankerung ist, lenkt den Blick auf bewegliche Wurzeln, die sich an vielen Orten und in unterschiedlichen Lebenszusammenhängen bilden und neue Bedeutungen hervorbringen.
Müssen wir uns entwurzelt fühlen, wenn wir an vielen unterschiedlichen Orten zugleich verwurzelt sein können? Kann ein Netzwerk aus Wurzeln zu einem tragenden Geflecht werden?
Ein bewegliches Verständnis von Verortung, das niemals festgeschrieben ist, steht im Fokus – geformt durch Erinnerungen ebenso wie durch die Notwendigkeit, an unbekannten Orten neue Wurzeln zu schlagen. Die ausgewählten künstlerischen Positionen nähern sich diesen Fragen aus unterschiedlichen Perspektiven und eröffnen ein Geflecht von Möglichkeiten, sich zu verbinden und zu verwurzeln. Die Ausstellung hinterfragt und lockert damit die dualistische Vorstellung von entweder verwurzelt oder „vogelfrei“ zu sein. Als Sinnbild für dynamische Verwurzelung stehen die Rose von Jericho, die sich in Dürreperioden vom Wind verwehen lässt, und Luftpflanzen, die nicht im Boden wurzeln, sondern hoch im Geäst tropischer Bäume. Besucher*innen werden dazu angeregt, sich selbst nach ihrem „Verwurzelungsgrad“ zu befragen.
Das Ausstellungsthema ist auch von persönlichen Bezügen geprägt: Die beiden Kuratorinnen Vilma Klingaite und Lorenza Kaib haben unterschiedliche Verbindungen zu Bielefeld, obwohl sie sich nicht dort, sondern im Ruhrgebiet kennengelernt haben. Klingaitė absolvierte ihr Bachelorstudium sowie später ihr wissenschaftlich-kuratorisches Volontariat in Bielefeld, während Kaib dort geboren wurde und ihre Schulzeit verbrachte. Ihr erstes gemeinsames Projekt realisierten sie 2019 – 2020 mit der multimedialen Ausstellung video works, die sie im Rahmen ihres Masterstudiums an der Ruhr-Universität Bochum erfolgreich umsetzten. Mit der Ausstellung in Bielefeld knüpfen sie an diese biografischen Bezüge an und erweitern zugleich ihr Netzwerk an Wurzeln.
Die Ausstellung wird ermöglicht durch die Unterstützung der Sparkasse Bielefeld und der Staff Stiftung.
Meena Alyassin setzt sich mit Prozessen der Neuverwurzelung im eigenen Herkunftsland auseinander sowie die Frage, wie eine Rückkehr zu den eigenen Wurzeln möglich sein kann. In der Ausstellung werden die Fotografien der Künstlerin aus einer Serie I know this light gezeigt, die sich mit dem Licht als zentralem Motiv auseinandersetzt. Für sie ist Licht etwas, das bleibt, selbst wenn Orte verschwinden oder sich verändern. Es ist ein Element, das Menschen mit einem Ort verbindet und dort verwurzelt. Zugleich scheint dasselbe Licht über Generationen hinweg und kann somit Erinnerung und Kontinuität in Verbindung gebracht werden.
Ieva Saudargaite Douaihi thematisiert die Koexistenz von Orten und Menschen. In der Ausstellung präsentiert die Künstlerin zudem eine neue Soundarbeit. Die Installation besteht aus einer Box, die beim Öffnen Klangfragmente freisetzt. Diese akustischen Spuren stammen aus Beirut und reichen von Geräuschen lebender Wesen über Verkehrslärm bis hin zu Klängen von Baustellen und Abrissarbeiten sowie den Geräuschen von Überwachungsdrohnen und Luftangriffen. Die Arbeit versammelt jene Klänge, die den Alltag der Künstlerin vor Ort prägen und begleiten. Gleichzeitig verweist sie auf die besondere Fähigkeit von Sound, Erinnerungen und Zugehörigkeit zu aktivieren: Auch an anderen Orten können diese Geräusche die Künstlerin gedanklich an den Ort ihrer Wurzeln zurückführen. Die Installation eröffnet damit einen Raum, in dem Klang als Träger von Erinnerung, Identität und räumlicher Verbundenheit erfahrbar wird.
Durch Josephine Scheuers Arbeit Synched Dreams wird eine nicht existierende Stadt erfahrbar gemacht. Durch Sprache und Klang konstruiert sie imaginierte Räume und entwickelt eine auditive Choreografie. Mithilfe eines Audioguides erkunden die Besucher:innen diese Stadt im Gehen und Hören und setzen sich mit der Frage auseinander, wie Verwurzelung auch in imaginativen und erzählerischen Räumen entstehen kann. Die Besuchenden haben die Möglichkeit, den Audioguide sowohl innerhalb der Ausstellung als auch im Rahmen eines Audioguide-Walks in der Stadt zu erleben. Dabei entstehen Räume durch Sprache, Erinnerung und individuelle Vorstellungskraft. Mit den Worten der Künstlerin bauen die Zuhörenden ihre eigenen inneren Landschaften auf – eine Form auditiver Choreografie, die befreiend wirkt, da jeder Raum von der jeweiligen Person selbst gestaltet wird. Die Arbeit knüpft unmittelbar an das Thema der Ausstellung an und greift die Idee auf, dass sich jeder Mensch auf eigene Weise durch die Stadt bewegt, sie wahrnimmt und sich in ihr verwurzelt. So werden persönliche Erfahrungen, Erinnerungen und Imaginationen zu einem wesentlichen Bestandteil der räumlichen Erfahrung.
In Larissa Zausers zunächst fotografischen Serie “Im Blick der Zirbe” (2024 –) richtet sie ihren Blick auf spezifische Orte, die Geborgenheit und Sehnsucht für einzelne Menschen bedeuten. Während ihrer Zeit als Stipendiatin der Cité Internationale des Arts Paris hat sie die Arbeit zum einen in richtung Bewegtbild weiterentwickelt, zum anderen den Fokus verlegt auf den oftmals langsamen Prozess des “Heimischwerdens”. Sie reflektiert darin ihren eigenen temporären Umzug nach Paris, Gefühlr von Fremdsein und das sich aneignen dieser Orte. Ihre Arbeiten untersuchen, wie emotionale Bindungen zwischen Menschen und Orten entstehen und wie diese Beziehungen Verwurzelung erfahrbar machen.